aktuell
architektur
fundstücke
maria flöckner und hermann schnöll
kontakt  |  mail

baue (d)einen horizont

    ute guzzoni: das geheimis des horizonts

    das geheimnis des horizonts liegt in dem zugleich zweier in entgegengesetzte richtung weisender momente: er bedeutet einerseits offenheit und unerreichbare ferne; andererseits ist er gekennzeichnet durch seinen grenzcharakter und durch die grundsätzliche bezogenheit auf unseren blick. der horizont ist nicht zu fassen, nicht berührbar, und ist doch andererseits ganz präsent. er ist die ferne schlechthin, - und umgrenzt doch als diese ferne den raum des hierseins. in dem einen sinn ist er stete lockung und herausforderung für das wandern, in dem anderen kann er als die grenze des bereichs angesehen werden, innerhalb dessen sich das wohnen ansiedelt.

    der mensch zwischen erde und himmel - der mensch aus erde und himmel. die selbstverständlichkeit und zugleich fragwürdigkeit dieser bezüglichkeit machen den raum des menschlichen seins in seiner äußersten spannung aus. die versuche des menschen, sich und seinen aufenthalt in dieser weit zu begreifen, sind immer wieder auf die notwendigkeit gestoßen, sich selbst in und aus dem bezug von erde und himmel, materie und geist, oben und unten zu bestimmen, sich sowohl auf die gebundenheit an die erde und ihre sinnlichkeit und materialität wie auf das streben nach einem »hohen«, nach dem geistigen des himmels zu besinnen. das heißt in der heutigen philosophischen situation den eigenen ort zwischen himmel und erde anders, z.b. auch nicht mehr hierarchisch zu sehen.

    über den horizont zu blicken, das kommt einem auge zu, das sich nicht im anschauen beruhigt. das jenseits zu sehen oder auch nur zu ahnen, heißt, ihm nahekommen zu wollen. der horizont ist herausforderung zur bewegung über ihn hinweg, und sei es auch eine bewegung im traum. der blick über den horizont, der blick in den raum, der nichts ist, muss in der tat ein blick sein, der zurückkehrt, immer schon zurückgekehrt von der offenheit, die nichts mehr zeigt, zu dem, was sich diesseits ihrer, diesseits des horizontes und doch auch innerhalb seiner, innerhalb der offenheit abzeichnet.

    nur der blick, der über den horizont hinaus in den bereich des diesseitigen zurückreicht, der immer schon zurückkehrt aus nichts, vermag das etwas,  das das diesseitige als das eigentümliche, das es ist, wahrzunehmen, - ein kleines oder großes, reiches oder armes, verschränktes oder alleinstehendes.

    der blick über den horizont ist ein blick, der sich in sich selbst umwendet. ein aus dem räumlichen und zeitlichen nicht-mehr immer schon zurückkehrender, sterblicher blick. er entstammt einem wissen, das aus seiner wanderschaft heraus und allein in ihr zu wohnen versteht.


    aus: umzug ins offene, 4 versuche über den raum
    herausgegeben von tom fecht und dietmar kamper im verlag springerwiennewyork

© 2001–2017  |  maria flöckner und hermann schnöll  |  impressum  |  home