{"id":3032,"date":"2007-05-01T10:00:00","date_gmt":"2007-05-01T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/floecknerschnoell.com\/wp\/?page_id=3032"},"modified":"2023-09-20T23:18:38","modified_gmt":"2023-09-20T21:18:38","slug":"vorhang-auf","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/floecknerschnoell.com\/wp\/rezeption\/vorhang-auf\/","title":{"rendered":"vorhang auf!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von: wojciech czaja \/ h.o.m.e. \/ 05\/2007<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">vor der terrasse gedeiht das salzkammergut [sic!]. gr\u00fcne wiesen bl\u00fchen in bauschiger dichte, dahinter wachsen tannenwipfel in die h\u00f6he, am horizont schlie\u00dflich galoppiert das gebirge und streckt gelegentlich eine gletscherzunge heraus. zur besseren orientierung: wir befinden uns am schnittpunkt von 47 grad, 40 minuten und 48 sekunden n\u00f6rdlicher breite und 13 grad, acht minuten und zw\u00f6lf sekunden \u00f6stlicher l\u00e4nge. und f\u00fcr all jene, die in ihrer kindheit kein geografielexikon verschluckt haben, das ganze noch mal auf deutsch: wir stehen mitten in adnet in der n\u00e4he von hallein.<\/h2>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">hinter der kryptischen ortsangabe 47\u00b040&#8217;48&#8243;n\/13\u00b08&#8217;12&#8243;e verbirgt sich der name eines einfamilienhauses, das sich die architekten maria fl\u00f6ckner und hermann schn\u00f6ll von der seele gezeichnet hatten: \u201ewir wussten einfach nicht, wie wir das haus nennen sollen. da die aussicht mit dem wohnen so untrennbar verbunden ist, haben wir uns dazu entschieden, den ort zum eigentlichen namen zu erkl\u00e4ren.\u201c gesagt, getan.<br>die gro\u00dfz\u00fcgige ein- und aussicht durch meterweise nichts als glas l\u00e4sst gro\u00dfe freiheit vermuten. dass es sich bei der flachen flunder aus glas und beton tats\u00e4chlich um ein einfamilienhaus handelt, glauben nur die wenigsten. \u201ewildfremde leute stehen pl\u00f6tzlich auf der terrasse und dr\u00fccken sich die nase an der glasscheibe platt\u201c, sagt maria fl\u00f6ckner. manche halten das haus f\u00fcr ein aussichtsrestaurant, einmal blieben mountainbiker stehen, um sich in der coolen h\u00fctte mit red bull und jausensnack zu st\u00e4rken. und auch die salzburger k\u00fche sind sich nicht so sicher: ungeniert treten die wiederk\u00e4uer bis an die hauskante vor und stecken ihren kopf durch den schwarzen vorhang, der die terrasse in k\u00fchlen schatten h\u00fcllt. wiewohl, der erwartete futtertrog ist leer.<br><br>die flache flunder aus glas und beton ist die schicke bleibe von friedrich und heike, die beide in der kunststoffbranche t\u00e4tig sind und sich mit dem neuen refugium einen lang gehegten traum erf\u00fcllen wollten. \u201eman glaubt es kaum, aber bis vor wenigen monaten haben wir sehr traditionell in einem salzburger altbau gewohnt\u201c, erz\u00e4hlt der bauherr, \u201eein paar monate der eingew\u00f6hnungsphase hat es dann freilich gebraucht.\u201c doch um nichts in der welt sei man heute noch bereit, das schwarze glashaus gegen irgendein anderes zu tauschen.<br>unkonventionell von anfang an: man betritt das haus durch die garage. einen repr\u00e4sentativen eingang im klassischen sinne braucht man in dieser h\u00fcgellandschaft nicht. hierher kommt man ohnehin nur mit moped und gef\u00e4hrt. zwei riesige garagentore \u00f6ffnen sich auf knopfdruck und geleiten zu audi, volkswagen und porsche. dass die garage so freundlich und hell ist, liegt nicht zuletzt an den transparenten au\u00dfenw\u00e4nden. stegplatten aus polycarbonat brechen das licht und lassen einen geschmeidigen anteil davon in den innenraum hinein. doch das au\u00dfergew\u00f6hnlichste entfaltet sich beim blick nach vorn. hinter einer riesigen trennwand aus glas breitet sich das wohnzimmer aus. auto und bewohner k\u00f6nnen sich auf diese weise gegenseitig fesche blicke zuwerfen. \u201edie bauherren haben sich f\u00fcr ein offenes wohnkonzept entschieden\u201c, so die architekten, \u201eund das konsequent durchgezogen.\u201c<br><br>zutritt durch die schwarze wohnungst\u00fcr: von da an geh\u00f6ren die folgenden 230 quadratmeter einzig und allein friedrich und heike. der boden ist schwarz, die w\u00e4nde sind schwarz, viele der m\u00f6bel sind schwarz. einzig die decke \u2013 eine massive platte, die 2,80 meter \u00fcber dem boden schwebt \u2013 ist aus beton. unverputzt, versteht sich. auf den boden ist man besonders stolz: der fein geschliffene asphalt ist mit gr\u00fcnlichen diabas-steinchen versehen, darunter wird von heizungsschlangen gew\u00e4rmt. das macht die oberfl\u00e4che wohnlich und edel.<br>zimmer im herk\u00f6mmlichen sinne sucht man vergeblich. stattdessen ist die gesamte wohnfl\u00e4che durch neun schwarze w\u00fcrfel in unterschiedliche zonen unterteilt. mal ist der w\u00fcrfel ein bad, mal ein schrankraum, mal eine voll und ganz traditionelle speis. f\u00fcr die oberfl\u00e4che der schwarzen holzkuben haben sich fl\u00f6ckner und schn\u00f6ll etwas besonderes einfallen lassen. mit kamera gewappnet machten sie sich in den nahegelegenen wald auf und bannten dort st\u00e4mme und ge\u00e4st auf den chip. die schwarz-wei\u00dfe struktur, die die w\u00fcrfel \u00fcberzieht, ist nichts anderes als dieses verfremdete foto, ein st\u00fcck k\u00fcnstlicher landschaft.<br>doch wozu eine natur ohne farben? wozu diese schwarz-wei\u00df-malerei? architekt hermann schn\u00f6ll erkl\u00e4rt: \u201evor dem haus breitet sich eine wunderbare landschaft in den kr\u00e4ftigsten farben aus. aus diesem grund haben wir die innenr\u00e4ume bewusst farblos gehalten.\u201c so kommen die umliegenden wiesen und gebirgsketten noch besser zur geltung. ganz zur freude der bauherrin: sie kann vom h\u00fcgeligen ausblick nicht genug kriegen. im norddeutschlande, woher sie stammt, ist die erde flach wie ein brett.<br><br>gro\u00dfe ablenkungen gibt es nicht. hier steht ein esstisch mit schwarzen roland-rainer-st\u00fchlen, dort gibt es eine kubische couch aus schwarzem velours, um die sich ein paar fauteuils von alvar aalto gruppieren. mal in schwarz, mal in wei\u00df. dann wieder ein tisch mit wei\u00dfer platte, die sessel abermals in schwarz und wei\u00df. schlicht, minimalistisch, aufs n\u00f6tigste begrenzt. fast hat man das gef\u00fchl, als gelten die m\u00f6bel einzig und allein der entspannung und landschaftsbeobachtung. durch schiebet\u00fcren geht es hinaus auf die beiden gedeckten terrassen. in die eine ist ein loch eingeschnitten, durch das ein bambusw\u00e4ldchen sprie\u00dft, von der anderen kann man direkt in den swimmingpool springen.<br>manchmal will man sich dann doch verschlie\u00dfen. gegen die nacht, die neugierigen blicke der nachbarn oder die br\u00fctende mittagssonne. an der terrassenkante ist das haus in einen schwarzen vorhang geh\u00fcllt. den bauherren, ihres zeichens kunststoffexperten, wollten die architekten eine reverenz erweisen \u2013 und lie\u00dfen den gesamten vorhang aus polyethylen n\u00e4hen. wie ein zerknittertes kleid von issey miyake schmiegt er sich ans haus und wartet auf den ersten windsto\u00df. mit einem mal kommt bewegung auf. wild t\u00e4nzelt der vorhang hin und her und macht das haus zu einem botschafter der naturgewalten. dann wird es wieder still. durch das grobmaschige netz kann man die h\u00fcgel- und gebirgskonturen noch gut erkennen. sachte schimmern die farben ins haus. irgendetwas bewegt sich. die flecken werden gr\u00f6\u00dfer. pl\u00f6tzlich steckt die kuh des benachbarten bauernhofes hungrig ihren kopf durch den vorhang. und wieder kein heu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von: wojciech czaja \/ h.o.m.e. \/ 05\/2007 vor der terrasse gedeiht das salzkammergut [sic!]. gr\u00fcne wiesen bl\u00fchen in bauschiger dichte, dahinter wachsen tannenwipfel in die h\u00f6he, am horizont schlie\u00dflich galoppiert das gebirge und streckt gelegentlich eine gletscherzunge heraus. zur besseren orientierung: wir befinden uns am 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